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Vätternrundan 2007


Was für den Einen als Quälerei und Irrsinn erscheint, ist für den Anderen eine Herausforderung und ein Glücksgefühl. Monatelanger Schweiß, geopferte Zeit, eine Vision, Kilometer für Kilometer auf dem Tacho und trotzdem Spaß an der Sache, so lässt sich die Trainingsvorbereitung zur Vätternsee - Rundfahrt mit seinen 300 km, kurzum beschreiben.
"Nach der Saison, ist vor der Saison" und das sollte man auch beherzigen, möchte man noch guter Dinge ins Ziel gelangen. Ankommen ist alles und so machten wir uns im Juni auf den Weg nach Motala.


Meine beiden Begleiter, Nils und Matze, hatten bereits schon an der Vätternrundan teilgenommen und konnten mir gute Tipps geben. Auf der Fahrt nach Motala trauten wir unseren Augen kaum, die Außentemperatur in Schweden sank unter den Gefrierpunkt. Die Kleiderordnung war nun Gespräch und mir viel ein, das meine Überschuhe zu hause schön warm im Schrank lagen, na toll! Nach durchfahrener Nacht, trafen wir gegen 8 Uhr in Motala ein und quartierten uns auf dem Parkplatz, unmittelbar neben dem Startbereich, ein. Wir schlugen unsere Zelte auf und wanderten zur Startnummernausgabe, dort war schon ein reges Treiben und die Aussteller versuchten "alles rund ums Fahrrad" an den Mann zu bekommen. Nach der Stadtbesichtigung und einem kräftigen Frühstück am Hafen wollten wir nun ein wenig Schlaf tanken, jedoch war daran kaum zu denken, denn ein Motorflugzeug hatte nichts besseres zu tun als uns mit einem gezogenen Banner über den ganzen Tag hinweg, den Schlaf zu rauben. Auf dem Festplatz entwickelte sich ein Volksfest und ganz Schweden schien auf den Beinen zu sein, aber die Recken der Stahlrösser waren natürlich in der Übermacht.
Räder so weit das Auge reicht, am Ende sollen es 17000 gewesen sein, von größerem Gedränge, Dank guter Organisation, aber keine Spur. Übrigens konnte ich ein paar Überzieher ergattern und somit gab es eine Sorge weniger. Wir merkten, dass die Unruhe langsam in uns aufstieg, was das Einschlafen auch fast unmöglich machte. Gegen 23:00 Uhr war dann der Start, wir hatten uns zwiebelartig eingekleidet und waren guter Dinge, die Lichtanlage funktionierte, diese wurde auch am Start kontrolliert, das Wetter war sehr entgegenkommend, kein Regen, was will man mehr und der Wind kommt anfänglich auch mal von hinten, schließlich ist es eine Rundfahrt. Bei der Startaufstellung trafen wir dann rein zufällig unseren Vereinsleiter Peter Arnold, der ebenfalls mit Seiner Frau Bärbel angereist war und die den langen Kanten nicht zum ersten Mal bewältigten. Leider war Bärbel gesundheitlich angeschlagen und konnte nicht starten.
Dieses treffen war der Auslöser zur Gründung unserer Radsportgruppe. Wir verabredeten uns, später mal darüber zu beraten und so war die Gründung eigentlich geboren. Warum alleine radeln, wenn es noch mehr Verrückte gibt, die das gleiche Ziel verfolgen. Im Startblock, der alle zwei Minuten 60 Fahrer auf die Strecke schickte, wünschten wir uns alles Gute und eine gesunde Ankunft. Meine beiden Mitstreiter, Nils und Matze, hatte ich ziehen lassen, da sie ein heißes Eisen fahren.
Ich wusste ja nicht, was mich da draußen so erwartete, auf jeden fall wollte ich 300 km durchhalten und unter 15 h das Ziel erreichen. Alles ist eine Frage des Kopfes und des Trainings, dass war mir von meinen Maratons und den Rennsteigläufen bekannt. Mit einer Motorradeskorte wurde jede Gruppe durch die Nebenstraßen geleitet und dann war jeder auf sich gestellt. Ich kam mir vor, wie ein ausgewildertes Tier in der Weite der Natur und die Hatz sollte beginnen. Zum Glück hatten wir Rückenwind und das Adrenalin tat sein übriges.
Ca. alle 40 km gab es eine Verpflegungsstelle mit leckerer Blaubeersuppe und Buchteln, Schmalzstullen, Salzgurken und Riegel etc. Die warme Blaubeersuppe war der Renner und tat einem unendlich gut. Mit Spritzpistolen wurden die Becher nachgefüllt, das war schon eine tolle Organisation. Trotz der Massen von Fahrern, gab es kaum ein drängeln. Und weiter ging es durch die schummrige Nacht, denn wir haben gerade Sonnenwende und das bedeutet, das nur ca. drei Stunden dunkle Nacht herrscht. Also immer den Rücklichter nach und sich eine Gruppe suchen, die mein Tempo fährt. Das war nicht so schlimm, denn einige tausend Fahrer sind seit 20 Uhr auf der Strecke und tausende Fahrer sollen noch folgen. Also ziehen lassen oder Einfangen, dass war hier die Entscheidung. Immer so um den 32ger Schnitt, das war schon super. Ich machte mir allerdings Sorgen, wie lange ich das Tempo wohl durchhalten kann oder wann ich rechtzeitig runter schalten muß um die Kräfte auch 300 km durchzuhalten. Hoffentlich siegt die Vernunft, denn durch dass Rennfieber und die Surren der Ketten, gerät man in einen gewissen Rauschzustand. Die Kälte kroch einem durch die Sachen, ich dachte nur, wenn es jetzt regnet, dann gute Nacht. In Jönköping soll auf dem Flugplatz kurzzeitig minus 3 Grad gemessen worden sein, so fühlte es sich auch langsam an, gut das ich mir die Überschuhe besorgt hatte!.
Nach Jönköping (120 km), kam der erste richtige Anstieg, der schon mal Verheißungsvoll war und Respekt vor der Strecke aufkommen ließ. Auch wurde nun die Nacht wieder zum Tag,
es war gegen drei Uhr und am Horizont zeigte sich ein roter Streifen, es sollte die Sonne sein, die ihre Strahlen auf die fröstelnden Körper der Fahrer richtete. Im weiteren Verlauf der Fahrt, fühlte es sich an, als ob man auftaute, allein der Anblick der Sonne machte ein warmes Gefühl und bewirkte ein Aufatmen.
Ich hörte ständig in mich hinein, was machen die Beine, wie geht es mit der Atmung, was macht der Puls, keine Müdigkeit, alles in Ordnung, also weiter, jeder Kilometer zählt,
bleib drann! Am Wegesrand traf man Fahrer die sich ausruhten und ein kleines Schläfchen machten. Ich überholte mehrer Fahrer mit betagten Peugeotfahrrädern (Vorkriegswahre), die schon sehr klapperten aber die Strecke trotzdem durchzogen, da hat man Respekt, oder Radler mit Einkaufskorb, Hollandrad und Radio inkl. Vollverpflegung, eben auch ein Spaß für den Individualisten.
Nach 200 km merkte ich langsam die Strecke in den Beinen, der Wind kam nun auch recht steif von Nord-Ost aber es ging gut weiter. Die letzten km verlangten noch einmal eine gezielte Kräfteeinteilung. Ich war ja schon bestens durch meine beiden Begleiter aufgeklärt worden und wusste, dass es noch mal anspruchsvoll wird und die Kraft steht ja auch nicht mehr im Überfluss zur Verfügung. Immer gut Trinken und Essen, das hält Leib und Seele zusammen und gibt weiterhin die nötigen Kraftreserven. Ich hatte eine Verpflegungsstelle ausgelassen, dass hatte sich prompt gerecht, ich wurde Opfer eines Hungerasts. Zm Glück hatte ich ausreichend Müsliriegel und Dextrose/Magnesium Getränk dabei, mit denen ich den Ast blocken konnte und das Ganze nur, weil ich an einer Gruppe hing die ich nicht verlieren wollte, so ist das mit dem falschen Ehrgeiz.
Wald rechts, Wald links, Blick über See, endlose Graden, Berg hoch, Berg runter, so geht es dann die letzen 100 km weiter. Unterwegs auf der Anhöhe erwartete uns ein Wanderpriester, der uns den Segen gab, verstanden habe ich nichts, ich dachte nur, hoffentlich war es nicht die letzte Ölung.
Er soll wohl jedes Jahr hier an dieser Stelle stehen und seinen Job machen.
Die letzen 50 km sollten noch einmal recht hart werden, die Sonne zeigte sich von der besten Seite. Ich hatte schon überlegt, mich von einigen Sachen zu entledigen, aber hatte darauf verzichtet, denn ich hatte nicht das Gefühl, dass ich zu warm angezogen war.
Ich hatte die Erfahrung gemacht, wenn der Körper an Energie verliert, fängt man leicht an zu frieren, dann lässt meistens das "Aus" nicht lange auf sich warten. Man kann an jedem Verpflegungspunkt Sachen abgeben, die kurzerhand am Ziel wieder ausgegeben werden.
Die letzten km zogen sich endlos hin, ich hatte mich einer Fünfergruppe angeschlossen, die durchschnittlich einen guten 30ger Schnitt fuhren und mit der Führungsarbeit klappte es auch erfreulicherweise abwechselnd recht gut, was nicht immer der Fall war. Es gibt eben zu viele Individualisten auf der Strecke, die nur am Hinterrad lutschen.
Am Wegesrand versuchten Schierlider die abgekämpften Fahrer zu motivieren, was natürlich auch gelang, da werden noch mal alle Kräfte mobilisiert, wir sind doch noch "frisch"!!!
Schließlich erblickte ich Motala, das ließ alle Strapazen noch mal kurzzeitig vergessen.
Wir fuhren in die Zielgerade ein, gesäumt von endlosen Menschenreihen, das läst einem eine Gänsehaut entwickeln. Im Ziel empfing mich dann Niels, der natürlich schon da war, aber leider durch einen größeren Defekt am Rad und bei Jönköping aussteigen musste.
Jeder weiß, wie enttäuscht man ist, wenn man sich monatelang auf so einen Event vorbereitet hat und dann so etwas. "Nächstes Jahr läuft es wieder Rund, Niels" Matze war ja schon unter 10 Stunden im Ziel, ich konnte für mich 11:30 h Brutto verbuchen. Ob es im nächsten Jahr wieder so gut läuft? Mal sehen was wird, jedes Jahr ist nicht gleich. Aber erst mal gab es im Ziel ein Durchhaltebier und eine warme Mahlzeit, 300 km schlauchen schon ganz schön. Auch Peter hat sich seine Kräfte gut eingeteilt und ist unter 15 h ins Ziel eingefahren, und das mit über 70 Jahren, Respekt!!!
Am Nachmittag merkten wir dann schon die Strecke in den Beinen, aber es hätte schmerzhafter sein können, das Training hatte sich also absolut ausgezahlt und ein gewisser Stolz war dadurch natürlich auch vorhanden. Am Nachmittag traten wir dann über Trelleborg wieder Richtung Stralsund die Heimreise an, schon auf dem Weg war uns eigentlich klar, nächstes Jahr wieder Vättern!
(01.06.2007, Gert Friedel)